Inklusionskind Hanna geht ihren Weg

Seit 2021 besitzt unsere Schule das Profil Inklusion. Das heißt Kinder mit und ohne Beeinträchtigung werden bei uns Seite an Seite beschult. Hier berichtet eine Mutter, wie das konkret im Alltag aussieht. Ihre Tochter hat eine angeborene Gelenksteife und einen langen (Leidens-)Weg in Sachen Schule hinter sich.

Trotz körperlicher Beeinträchtigungen kann Hanna vollumfängich am Schulalltag teilnehmen. Eine Schulbegleiterin (rechts) und technische Hilfsmittel wie ein Rollstuhl und ein Aufzug in der Aula machen es möglich. Foto: A. Peißker


Wenn ein Kind geboren wird, ist es das schönste und größte Glück. Doch was ist, wenn dieses Glück unerwartet mit „Special Effects“ geboren wird? Uns als Eltern war von Beginn an klar: Wir sind für unser Kind da und wir gehen zusammen diesen ungewissen Weg. Wir sind Eltern einer neunjährigen Tochter mit einer seltenen Beeinträchtigung namens „Arthrogryposis multiplex congenita“ (AMC). Dies ist eine angeborene Gelenksteife, welche die Fein- und Grobmotorik intensiv einschränkt.

Unsere Tochter Hanna kann ihre Hände und Arme nur minimal bewegen. Nach mehr als acht aufwändigen Operationen hat sie mithilfe von Schienen und Orthesen das Laufen gelernt. Für größere Aktivitäten hat sie einen elektrischen Rollstuhl. Sie ist also in jeglicher Form auf viel Unterstützung angewiesen.

Wie auch andere Kinder besuchte sie eine (integrative) Kinderkrippe und einen Kindergarten. So konnte sie sich entfalten und viele Freundschaften knüpfen. Sie lernte, auf ihre Art den Alltag zu bewältigen, und tüftelte eigene Techniken zum Spielen, Schreiben, Schneiden etc. aus. Hanna hat diese Zeit sehr genossen. Sie wurde dort von Personal und Kindern so angenommen, wie sie ist. Sie war ein Teil der Gemeinschaft.

Hanna braucht kognitive Herausforderungen

Dann kam der Übergang zur Schule – ein holpriger und schwieriger Prozess. Unsere Tochter besuchte zu Beginn eine Körperbehinderten-Schule. Hier merkten Hanna und wir schnell, dass dies nicht der richtige Ort für sie ist. Trotz ihrer intensiven körperlichen Einschränkungen braucht und sucht sie kognitive Herausforderung. Viele Gedanken, Sorgen und auch Ungewissheiten begleiteten uns im Alltag.

Glücklicherweise bekam Hanna mitten im ersten Schuljahr die Möglichkeit auf einen Schulplatz hier an der Hans-Sachs-Grundschule. Eine Schulbegleitung unterstützt sie dabei, den Schulalltag zu bewältigen. Durch ein genaues Kennenlernen sowie viel Austausch über unsere Tochter wusste die Schulleitung, wie Hanna bestmöglich unterstützt werden kann.

Vom ersten Tag an standen und stehen wir im intensiven Austausch mit der Schulbegleitung, so dass sie genau weiß, welche Hilfe Hanna braucht. Bereits vor Unterrichtsbeginn wird Hanna von der Schulbegleitung abgeholt und bis zum Klassenraum begleitet. Die Schulbegleitung hilft ihr dabei, aus dem Rollstuhl auszusteigen und die Jacke auszuziehen und begleitet sie an ihren Platz. Dort angekommen werden sogleich die benötigten Schulmaterialien aus der Büchertasche herausgeholt.

Die Schulbegleitung gleicht Hannas motorische Einschränkungen aus

Während des Unterrichts hat Hanna ihre Schulbegleitung neben sich. Wenn sie im Unterricht etwas beitragen möchte, bittet sie ihre Schulbegleitung um ein Handzeichen. Unsere Tochter kann trotz der feinmotorischen Einschränkung schreiben. Jedoch bevorzugt sie dies mit dem Mund. Es fällt dir leichter und sie kommt schneller voran. So reicht die Schulbegleitung ihr den Stift in den Mund. Es ist sehr außergewöhnlich, aber für die Mitschüler aus ihrer Klasse inzwischen völlig normal.

Die Pausen verbringt unsere Tochter weitgehend in ihrem elektrischen Rollstuhl. Hier fühlt sie sich bei den vielen Schulkindern sicherer und kann sich – dank inzwischen installierter Rampen und Aufzüge – alleine im Schulhaus und auf dem Pausenhof fortbewegen. Die Schulbegleitung reicht ihr das Essen und leistet Hilfestellung bei dem Toilettengang.

Entfaltung am Nachmittag in der OGTS

Auch nach der Schule in der Offenen-Ganztags-Betreuung sind unsere Tochter und die Schulbegleitung eingespieltes Team. Hier hat Hanna die Möglichkeit, mit Unterstützung Mittag zu essen, mit Mitschülern zu spielen und sich zu entfalten. Die Schulbegleitung achtet genau auf das Bedürfnis unserer Tochter: Wenn sie mit anderen Kindern allein spielen möchte, ohne erwachsene Begleitung, wird ihr dies ermöglicht.

Der Besuch einer Regelschule ist für unsere Tochter ein spannender und aufregender Prozess mit vielen Gefühlen. Wir als Eltern stellten in kurzer Zeit fest, dass unsere Tochter nach vielen Herausforderungen in der Schule angekommen ist – in einer Gemeinschaft, einem sozialen Geflecht mit vielen Schulkindern. Sie wurde in ihrer Klasse willkommen geheißen und konnte rasch ihren Platz und Freunde finden. Rücksicht, Toleranz und Mitgefühl werden in der Klasse und der Schule gelebt.

Wir als Eltern möchten allen Mut machen, sich über Hindernisse und Stolpersteine hinweg auf den richtigen Weg zu machen. So kann jeder auch mit Special Effects ein Teil von allem sein, echte Inklusion erfahren sowie weiterhin wachsen und reifen.

Nach oben scrollen